Frieden

Friedensforschung fokussiert auf die Erforschung von Krieg, den sie als destruktive, gewaltförmige Konfliktaustragung begreift, wie auch auf (gesellschaftliche) Gewalt im Allgemeinen. Genauso beschäftigt sie sich jedoch mit der Erforschung konstruktiver, friedensförderlicher Konfliktaustragung – insbesondere mit den Möglichkeiten und Bedingungen der Eindämmung, des Abbaus oder der Transformation von (vorrangig kollektiver) Gewalt und der Einübung, des Aufbaus oder der Emergenz von (politischem, sozio-kulturellem und sozialpsychologischem) Frieden. Dementsprechend findet sich sehr häufig der Doppelbegriff „Friedens- und Konfliktforschung“ als Beschreibung der Disziplin.

Friedensforschung ist damit charakterisiert (a) durch ihren Fokus auf (organisierte) gesellschaftliche Gewalt, besonders auf die Institution Krieg, und (b) durch ihre normative Ausrichtung: Abbau von Gewalt, dazu auch Überwindung der Institution Krieg, und Aufbau von Frieden. Friedensforschung ist nach Egbert Jahn ein „interdisziplinärer Forschungskomplex“ oder nach Sabine Jaberg „ein inhaltlich variables Forschungsprogramm, das unterschiedliche disziplinäre Aggregatzustände annehmen kann.“ 

 

In diesem Sinne kann man auch die Arbeitsfelder „Friedenspädagogik“, „Global Citizenship Education“, „Alpen-Adria“ oder „Literatur und Gesellschaft“ der Friedensforschung zuzählen. Sie werden jedoch aus Gründen der Übersichtlichkeit hier getrennt dargestellt. Überschneidungen sind unvermeidbar.

Aktivitäten und Forschungsschwerpunkte

ZFF

Die Beschäftigung mit vielen Feldern der Friedensforschung hat sich bei mir schrittweise ausgehend von den Arbeitsbereichen „Kultur und Frieden“ und „Friedenspädagogik“ entwickelt. Ein Meilenstein war dabei die Gründung des Zentrums für Friedensforschung und Friedenspädagogik (ZFF) an der Alpen-Adria-Universität 2005, gemeinsam mit Brigitte Hipfl und Helga Rabenstein-Moser, mit starker Unterstützung durch Dekan Karl Stuhlpfarrer und Rektor Günther Hödl. Vgl. zur Arbeit des ZFF, dessen langjähriger Leiter ich war, die Broschüre „Zentrum für Friedensforschung und Friedenspädagogik. Alpen-Adria-Universität Klagenfurt Fakultät für Kulturwissenschaften“ (2008):

https://docplayer.org/25873546-Zentrum-fuer-friedensforschung-und-friedenspaedagogik-alpen-adria-universitaet-klagenfurt-fakultaet-fuer-kulturwissenschaften.html

Einen ausführlichen Überblick mit Einschätzung der Aktivitäten des Zentrums findet sich in diesem Aufsatz von Bettina Gruber und Werner Wintersteiner: https://www.aau.at/wp-content/uploads/2019/05/ZFF-entwicklung-arbeitsfelder-perpesktiven.pdf

1000 Frauen für den Frieden

(2005 bis 2006)

Die Unterstützung des internationalen Projekts, das 1000 Frauen aus der ganzen Welt stellvertretend für die Millionen Frauen, die in der Friedensarbeit tätig sind, für den Friedensnobelpreis 2005 nominierte (inklusive fünf Frauen aus Österreich, darunter eine ehemalige Studierende der Uni Klagenfurt), war eine der ersten wichtigen Aktionen des neu gegründeten Friedenszentrums, gemeinsam mit dem Institut für Medienkommunikation.  Brigitte Hipfl und Christina Schachtner entwickelten dazu eine Begleitforschung. Ein ausführlicher Bericht findet sich im ersten Jahrbuch Friedenskultur.

Jahrbuch Friedenskultur 

(2006 bis 2016, 10 Bände) 

Das ZFF hat von Anfang an das Jahrbuch Friedenskultur herausgegeben, einerseits als Leistungsschau des Zentrums, andererseits als Diskussionsbeitrag für die internationale scientific community. (Federführend waren Claudia Brunner, Bettina Gruber, Viktorija Ratković, Kathrin Stainer-Hämmerle und ich). Der Fokus Friedenskultur sollte ein spezifisches Profil des Klagenfurter Zentrums markieren. (Vgl. https://www.aau.at/wp-content/uploads/2018/06/wintersteiner-kultur-des-friedens-als-leitbegriff.pdf)

Kultur & Konflikt 

(Forschungs- und Publikationsprogramm, 2009 bis 2016, 8 Bände)

Das Programm wurde vom interfakultären Forschungsnetzwerk »Kultur & Konflikt« der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt (Frauen- und Geschlechterforschung, der Friedensforschung sowie der Kulturwissenschaften) in Form von Tagungen und Workshops realisiert. (siehe auch das Arbeitsfeld „Literatur und Gesellschaft“)

Interaktive Konfliktbearbeitung 

(Forschungs- und Publikationsprojekt 2012 bis 2016)

Dieses Forschungsfeld des ZFF wurde von Wilfried Graf verantwortet, mit dem ich eng zusammenarbeitete, auch im Rahmen des Herbert C. Kelman Institute for Interactive Conflict Transformation (HKI). Ergebnis sind einige Publikationen in Zeitschriften, die Herausgabe eines Buches mit ausgewählten Texten des Konfliktforschers Herbert C. Kelman (DOI https://doi.org/10.4324/978131565966) sowie drei internationale Konferenzen an der Wirkungsstätte von Herbert C. Kelman an der Harvard University in Cambridge “The Transformation of Intractable Conflicts. Perspectives and Challenges for Interactive Problem Solving” (Weatherhead Center for International Affairs at the Harvard University): 

Eine Publikation mit den wichtigsten Beiträgen der drei Konferenzen ist 2024 erschienen: https://www.routledge.com/Shifting-Protracted-Conflict-Systems-Through-Local-Interactions-Extending/dEstre/p/book/9781032375069

Eine weitere Aktivität in diesem Arbeitsfeld war das österreichisch-slowenische Projekt „Building the Peace Region Alps-Adriatic. Envisioning Future by Dealing with the Past.

Promoting open and inclusive public discourse within Austria and Slovenia and between the countries” (2014-2020). Es wird im Arbeitsfeld Alpen-Adria genauer dargestellt.

Tourism & Peace

(Forschungs- und Publikationsprojekt 2012 bis 2015)

Dieser Arbeitsbereich wurde von Cordula Wohlmuther geleitet. Es war ein Kooperationsprojekt mit der UN World Tourism Organization (UNWTO) in Madrid. Seine Resultate waren zwei Publikationen: das International Handbook on Tourism and Peace und eine Studie über Friedenstourismus im Alpen-Adria Raum, die ebenfalls in Buchform erschien: „Dort, wo unsere Großväter gegeneinander kämpften …“ Die „Friedenswege“ an der Frontlinie des Ersten Weltkriegs: Tourismus und Frieden im Alpen-Adria-Raum. Für das International Handbook wurden die Herausgeber*innen Wohlmuther und Wintersteiner 2015 mit dem  Buchpreis der Internationalen Tourismusbörse (ITB) Berlin in der Kategorie ITB Special Management Award ausgezeichnet.

Kärnten, Alpen-Adria, Südosteuropa

Dieser Arbeitsbereich spielte von Beginn an eine große Rolle in der Arbeit des ZFF. Er wird im Arbeitsfeld „Alpen-Adria“ vorgestellt.

Geschichte und Bilanz von Friedensbewegung und Friedensforschung 

(Langjährige Einzelforschung) 

Meine Schwerpunkte in diesem weitläufigen Arbeitsbereich sind einerseits Studien zur Friedensbewegung in Österreich, vor allem am Vorabend des Ersten Weltkriegs (Bertha von Suttner, Alfred Fried). Dies resultierte in verschiedenen Aufsätzen und zu der von mir kuratierten Ausstellung „Den Frieden in die Wirklichkeit denken! FriedensdenkerInnen und FriedensaktivistInnen aus Österreich seit dem Zweiten Weltkrieg“ im Rahmen der 35. Sommerakademie auf Burg Schlaining 2018. Ein zweiter Schwerpunkt ist die Geschichte und der gegenwärtige Stand der Friedensforschung in Österreich, dargestellt in einigen Aufsätzen und vor allem in dem mit Lisa Wolf gemeinsam herausgegebenen Buch Friedensforschung in Österreich. Bilanz und Perspektiven (s.u. Publikationen).

Betrifft: Geschichte: Friedensforschung (März 2019, Ö1) https://oe1.orf.at/programm/20190315/548682/Friedensforschung

Der Konflikt – Frieden – Demokratie – Cluster (CPDC)

(Permanente strukturierte Partnerschaft 2011 bis 2013) 

Mit Jahresbeginn 2011 wurden bislang auf vier Institutionen verteilten Kompetenzen in einem vorerst befristeten Cluster an Österreichs einziger Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (iff) an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Wien und Graz gebündelt. Die beteiligten Institute blieben in ihrer Identität erhalten, eine innovative „Doppelstruktur“ sollte aber eine permanente Kooperation und längerfristig eine inhaltlich Einbindung in universitäre Strukturen ermöglichen. Dieser Konflikt-Frieden-Demokratie-Cluster (CPDC) war die Kooperation des ZFF der Alpen-Adria Universität Klagenfurt mit den drei außeruniversitären Einrichtungen:

Für das ZFF bedeutete diese Kooperation sehr viel, da dadurch neue Projekte angegangen werden konnten, die mit den eigenen Kräften nicht zu schaffen waren, etwa die Neuausrichtung der Schlaininger Sommerakademien oder das Handbuch Friedensforschung – Konfliktforschung – Demokratieforschung.

Trotz einer sehr positiven Evaluation des Projekts lehnte das Rektorat der Universität Klagenfurt eine Fortführung des Clusters ab. In der Folge übernahm die Universität Graz diese Koordinationsaufgabe. Siehe: https://frieden-konflikt.uni-graz.at/de/conflict-peace-democracy-cluster/

Netzwerk Friedens- und Konfliktforschung Österreich (NEFKÖ)

(Östereichweite Plattform) 

Den Anstoß zur Gründung des Netzwerks gab 2015 eine Umfrage des ZFF unter Expert*innen zur Situation der Friedensforschung in Österreich. Sie ergab, dass es an einer vernetzten, institutionalisierten und organisierten Friedens- und Konfliktforschung mangelt. So hat sich NeFKÖ seit 2016 als vielstimmiger Zusammenschluss von Personen entwickelt, die in Österreich in der Friedens- und Konfliktforschung sowie in der Friedens – und Konfliktbearbeitung tätig sind: an Universitäten und Hochschulen, in Bildungseinrichtungen und Vereinen, in Nichtregierungsorganisationen und im öffentlichen Dienst, als Selbständige oder als Privatpersonen – disziplinär, inter- und transdisziplinär, generationenübergreifend und zukunftsorientiert. Ziele des Netzwerkes NeFKÖ sind die Stärkung und Sichtbarmachung der Friedens- und Konfliktforschung und Friedensarbeit in Österreich. Es organisiert sich über jährliche Tagungen und einen Koordinationsausschuss. Siehe auch: https://www.aspr.ac.at/forschung-1/nefkoe#/

Kampagne Heimatland Erde 

(Internationale Kampagne des Austrian Study Centre for Peace and Conflict Resolution (ASPR) in Zusammenarbeit mit dem HKI, 2021)

Anlass war der 100. Geburtstag des französischen Philosophen Edgar Morin, der bereits 1993 in seinem Buch Terre-Patrie das Konzept des planetaren Bewusstseins entwickelt hatte. Mit planetarem Bewusstsein ist die Einsicht gemeint, dass Weltfrieden und Frieden mit der Natur die eng verbundenen heutigen Hauptaufgaben der Menschheit sind. Morin stellte der Kampagne eine Grußbotschaft zur Verfügung. Unter meiner Federführung entstand ein 20-seitiges Manifest, das in mehreren Sprachen zur Verfügung steht. Andere Materialien sind ein Film „Heimatland Erde“ und Vorlagen für „Heimatland Erde“-Reispasshüllen. Ein Höhepunkt war die Internationale Sommerakademie (September 2021) zu diesem Thema. Mehr als 60 Organisationen, von China über Sri Lanka und dem afrikanischen Kontinent bis Lateinamerika, schlossen sich der Kampagne an, teilten das Manifest und starteten eigene Initiativen. Siehe: https://www.aspr.ac.at/bildung-training/aspr-kampagnen/heimatland-erde#/

Wichtige Links:


Publikationen

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